„Das Herz, dieser Käfer ohne Augen, riesig
dieser Kafka - Käfer, rennt in Panik durch sein Labyrinth.“
Anne Sexton
Aus der Kirche steigen akustische Rauchzeichen
Noten fliegen wie schwermütige Vögel herum
sollen sie Schlupflöcher in den Himmel reißen
Maria ist rot von Schießbudenrosen
rot wie unsere Lippen wenn sie sich nähern
sich öffnen die Musik strengt sich an
überall Schweiß die Menge murmelt bitte für uns
was ist das für eine Pinzette in der wir hängen und zappeln
wie Insekten du knöpfst deine Jeans auf und schmiegst
dein pochendes Fleisch an meines man nähert sich schon
dem Amen meine Hände fassen nach deinen Lenden
das ist so das ist wie wenn einem beim Trinken vor Durst
das Wasser in Bächen am Kinn herab läuft
(Erschienen in „Versnetze_drei“, 2010; und in „Es gibt ein anderes Land“, 2010)
„Gevatter Tod führte ihn in eine Höhle. Deine Kerze ist hier.
Und da stand sie, nicht länger als eine Wimper.“
Anne Sexton
Dir wachsen Schläuche schneeweißes Kind
verwunschener Widergänger deine Augen
matte Nebeltäler grau wie Haar dessen Wurzeln
das Sekret des Schmerzes saufen
überall Efeu und Lilien Sackgassenschilder still
nur einen Schritt den Schwenk einer Sanduhr entfernt
lehnt der Alte an seiner Sense geruchlos wie Gas
er pult Schorf von den Nägeln
seine Haut ist neurodermitisch
sie schuppt dass es schneit auf deinen Schädel Kind
deine Glatze Metastasen entern Organe wie Militär
seis drum kneif die Augen zu hinter den Lidern
glühn Sterne wie in deiner ersten schimmernden Höhle
die fleischige Pflanze Plazenta summt noch hörst du
(Unveröffentlicht)
Ophelia
wenn alles weg rutscht
die Augen die Gedanken
plötzlich kalt kalt wie gefrierende
Rinderhälften weiß verkrustete Nerven.
bloß weil du etwas gesehn hast:
heulendes Kind jemand stirbt jemand rasselt
Litaneien bettelt jemand fasst sich ans Herz
sackt zusammen jemand wird
von einer langen rosa Zunge
abgeleckt gehechelt zwei umschlingen sich
eine Kippe wird voller Wut
ausgetreten dein reines Frauengesicht O
kopiert und kopiert vollendet im Wasser
Lippen offener Eingang Augenbruch
dein Haar schäumt wie Spucke
vorm Mund
(Erschienen in „Versnetze_drei“, 2010)
Maria
dass es am Ende immer kommt
und wenn das Mädchen blutjung ist
und die Leute behaupten dass sie keinen
an sich ran lässt Hymen intakt
und wenn das Mädchen mit prallem Bauch
und einem Kerl der ihr Vater sein könnte
nomadisiert seis drum es kommt
und wenn statt Hebammen Ochsen
mit runden Augen tanzen und muhn
ihre feuchten Mäuler nähern die Nüstern
blähen es kommt still und weiß
wie Porzellan eine Attraktion
in dieser Gegend und wenn die Hirten
mit abgewetzten Kleidern und schwieligen
Händen Hornhaut so fest wie die Hufe
des Viehs mit offenen Mündern
auf die Knie falln es ist da
wie all die andern zerzausten
Dinger im Dreck irgendwo
mit weichen Fontanellen
(Erschienen bei Dulzinea, Santa Claus Preis 2009)